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„Small Talk im Sommer 2014“ mit der Obfrau des Vereins RollOn Austria - Marianne Hengl

Ein Interview von Ingrid Lembach

Eine Durchschlagskraft wie die Fäuste von Muhammed Ali, als Signal einen bunten Haarschopf, der jeden davor warnt, sie zu übersehen und ein Ego, so groß wie das Empire State Building, ein Kämpferherz, so tief wie der Ozean. Ja das braucht es, wenn man den beschwerlichen und kraftraubenden Kampf um gesellschaftliche Gleichstellung und Anerkennung auf sich nehmen will. Und das ist ihr in Österreich auch gelungen. Eine Fahnenträgerin der Menschen mit besonderen Bedürfnissen und Fähigkeiten zu werden. Durch ihre ungeheure Menschenliebe ist es ihr gelungen, viele Menschen um sich zu scharen, die sie bewundern und auch unterstützen.

Mit großem Respekt und tiefer Zuneigung: Barbara Stöckl, TV-Journalistin und langjährige Förderin des Verein RollOn Austria

SommergesprächeFoto: Gerhard Berger

Lembach: Sie sind von Geburt an schwer körperbehindert, wie nennt sich Ihre Behinderung

Hengl: Ich habe eine Gelenksversteifung an allen vier Gliedmaßen und benötige um ein selbstbestimmtes Leben zu führen Persönliche Assistenz.

Lembach: Unter dem Motto „Wir sind kein Schadensfall“ initiierten Sie 2010 als Obfrau von RollOn Austria österreichweit eine Gegenaktion zum umstrittenen OGH-Urteil, betreffend „Schadensfall Mensch“, wie war die Reaktion der Bevölkerung

Hengl: Viele kannten mich bis dato als friedlicher und herzlicher Mensch, wenn es aber um eine derartig grausame Diskriminierung geht und eigentlich um unser Lebensrecht, dann werde ich zur Furie. Jeder Mensch darf mit unterschiedlichen Voraussetzungen in dieses Leben kommen. Ein menschliches Leben darf nie in Frage gestellt und auch nicht als schadhaft angesehen werden. Keiner von uns weiß, was das Leben morgen für ihn bereithält.

Lembach: "Ist es normal verschieden zu sein ?"

Hengl: Meiner Meinung nach ist es nicht nur normal, sondern auch schön, so verschieden zu sein. Und es ist von Gott auch so gewollt. Sonst würden wir gar nicht existieren. Wenn wir auch, von unserem derzeitigen Entwicklungstand, noch große Probleme mit dieser Verschiedenheit haben, muss das nicht bedeuten, dass es immer so sein wird. Machtsüchtige Menschen wollen Vereinheitlichung, weil vereinheitlichte Menschen kurzfristig leichter zu manipulieren sind. Langfristig sind aber alle Versuche, den Menschen gleich zu machen, gescheitert.

Lembach: Ihr Verein RollOn Austria feiert heuer das 25-jährige Jubiläum. Sie betrachten Ihr Dasein und Ihre Arbeit als Lebensaufgabe. Wie definiert sich diese aus Ihrer Sicht?

Hengl: Schon als kleines Mädchen stellte ich mir vor einmal eine besondere Frau zu werden. Bei diesem Gedanken spielte meine Behinderung überhaupt keine große Rolle. Ich glaube, dass es einen Menschen wie mich geben muss. Der liebe Gott hat mir diese Behinderung gegeben und mich mit einem großen Selbstvertrauen beschenkt. Mein enormer Ehrgeiz und der Fleiß haben mich weiter gebracht. Auch für die enorm große Portion Energie und Lebensfreude bin ich ihm dankbar.

Die facettenreiche Entfaltung von RollOn Austria habe aber nicht nur ich alleine, sondern viele Menschen mitgetragen, die wir für das Thema Behinderung sensibilisieren konnten; ein ‚Engel‘ nach dem anderen bereicherte im Laufe der Zeit unser ‚goldenes Netzwerk‘ und begleitete den Verein durch gute und schlechte Zeiten.

Lembach: RollOn Austria vermittelt Menschen mit Behinderungen österreichweit dauerhafte Arbeitsplätze, sollte für größere Unternehmen in Österreich die Verdoppelung der Ausgleichstaxe angedacht werden

Hengl: Immer schon war meine Meinung, dass Schwierigkeiten bei der Vermittlung von Menschen mit Behinderungen am Arbeitsplatz, weder etwas mit einem strengen Kündigungsschutz noch mit einer Erhöhung der Ausgleichstaxe zu tun haben.

Der „Hund“ ist meiner Ansicht nach ganz woanders „begraben“: Nicht immer darf den Unternehmen der schwarze Peter zugeschoben werden, oft liegt der Fehler bei den verschiedensten Servicestellen, zB den Arbeitsassistenzen, dem Sozialministeriumservice etc. Es scheitert häufig daran, dass behinderte Menschen nicht nachhaltig und hartnäckig genug betreut und begleitet werden. Stelle A schiebt das Problem an Stelle B - ohne zu berücksichtigen, wie sehr behinderte Menschen darunter leiden.

Lembach: Bitte um ein kurzes Statement zur aktuellen medialen Thematik Sonderschule, Sozialpädagogik und Inklusion von Kindern mit Behinderung in den "normalen" Schulalltag

Hengl: Meiner Meinung nach gibt es nicht den "Menschen mit Behinderung" oder die "Sonderschule", sondern Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen: So verschieden die Menschen sind, so verschieden sind ihre Bedürfnisse und so verschieden müssen auch die schulischen Angebote sein. Wie für jedes andere Kind darf es behinderten Kindern auch an nichts fehlen, um ein glückliches Leben führen zu können. Auf keinen Fall darf eine funktionierende Struktur zerschlagen werden bevor sichergestellt ist, dass neue Strukturen genauso gut sind – dazu muss jede Stimme gehört und die Situation von allen Seiten beleuchtet werden.

Lembach: Sie sind bekannt als brilliante Netzwerkerin, die viele Persönlichkeiten ins Boot holen kann, unzählige Projekte erfolgreich ins Leben gerufen hat, zudem sind Sie auch die Initiatorin der erfolgreichen ORF III Fernsehsendung „Gipfel-Sieg: Der Wille versetzt Berge“. Haben Sie auch Neider?

Hengl: Das ist die Kehrseite des Erfolgs und hat nichts mit meiner Behinderung zu tun. Klar gibt es Leute, die mich als Wichtigtuerin oder als mediengeil bezeichnen, aber damit muss ich leben. Das ist einfach so. Wenn es mich aber verletzt, dann sage ich mir: Im Ernstfall ist Neid immer noch besser als Mitleid.

Lembach: Sie haben so viele Talente. Was würden Sie als Ihre größte Stärke bezeichnen?

Hengl: Mein Charme, meine Hartnäckigkeit und meine schwere Behinderung in Kombination empfinde ich als Lottosechser.

Lembach: Was mögen Sie an sich selbst am wenigsten?

Hengl: Meine Ungeduld! Ich hasse es, wenn ich mit mir selbst und anderen Menschen so ungeduldig bin. Perfektionistin zu sein ist im Prinzip kein Fehler, aber Pedanterie wirkt extrem unsympathisch.

Lembach: Sie haben viele Auszeichnungen erhalten, waren u. a. „Österreicherin des Jahres“ – welcher Preis ist Ihnen am wichtigsten?

Hengl: Ehre bedeute Verantwortung und Verantwortung ist oft auch eine große Belastung. Wir alle haben Mitmenschen an unserer Seite, die darauf vertrauen, dass wir in unserem jeweiligen Aufgabenkreis das Beste daraus machen! Daher ist es wichtig, sich immer wieder zu hinterfragen, ob man auf dem richtigen Weg ist. Man wird oft geblendet von der Öffentlichkeit und von den Medien. Zuviel Ruhm, Macht und Ehre tun uns allen nicht gut.  Deshalb ist es von größter Bedeutung, Menschen an seiner Seite zu haben, die einem - falls notwendig - auch einmal ins Gewissen reden. Es braucht diese Wegweiser, um die Orientierung im Leben nicht zu verlieren.

Lembach: Welche Herausforderung möchte Sie noch gerne meistern?

Hengl: Schon als Kind scheute ich schwierige Aufgaben niemals – ganz im Gegenteil: Mich mit einfachen Lösungen zufrieden zu geben, war noch nie meine Art und ich wurde und werde nie müde, nach besonderen Herausforderungen zu suchen, unabhängig davon, ob und welcher Erfolg sich einstellt.

In der Behindertenarbeit gibt es auch in der Zukunft noch viel zu tun, denn es ist auch traurige Tatsache, dass wir stets als Bittsteller auftreten müssen, wenn wir notwendige Hilfsmittel wie einen Rollstuhl, Gehhilfen oder unverzichtbare Inkontinenzartikel brauchen. Diese Rolle ist entwürdigend und sollte unter anderem auch von der Politik umgehend geändert werden! Als Obfrau von RollOn Austria werde ich nichts unversucht lassen, um diese untragbaren Zustände zum Positiven zu ändern.