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Wir verkaufen unsere Seele und wir verkaufen unsere Heimat

Bruno Lemberger aus Mittersill war 29 Jahre alt, als sich von einem Tag auf den anderen sein Leben komplett veränderte. Im Interview mit RollOn-Obfrau Marianne Hengl erzählt der „Landwirt im Rollstuhl“ von seinen bedrohlichen Existenzängsten, der Hilflosigkeit und der großen Angst in einem Pflegeheim zu landen. Der Glaube und das Vertrauen an Gott und sein Wille zu leben, haben aus Bruno einen ganz besonderen Botschafter für die Menschheit werden lassen.

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Genau heute vor 21 Jahren hat ein schwerer Unfall beim Holzarbeiten dein Leben komplett verändert. Was ist an diesem Tag passiert?

Es war ein ganz normaler Tag, wie jeder andere. Eigentlich wäre ich an diesem Tag gar nicht zum Arbeiten eingeteilt gewesen. In der Firma sind jedoch einige Mitarbeiter ausgefallen, ich hatte Zeit und half daher aus. Mit einem Arbeitskollegen sind wir hinauf in den Wald für die anstehende Forstarbeit. Der Kollege meinte, dass irgendetwas mit der Seilzugmaschine nicht stimmen würde. Oben angelangt sah ich die Maschine und erkannte auch das Problem. Reparieren wollte ich es dann am Abend.

Der Arbeitskollege fuhr mit der Maschine 3-4 Mal und dann löste ich ihn ab und fuhr selbst mit dem Holz. Es gab dann aber plötzlich einen technischen Defekt, und die gesamte Holzfuhre hat mich erwischt.

Eigentlich wäre ich gar nicht mit dem Fahren dran gewesen, das hat alles wohl seinen Sinn gehabt, das Schicksal nahm seinen Lauf.

Was für ein Mensch warst du vor dem Unfall?

Ich war ein richtiger Egoist, es hat für mich nur mich selbst gegeben. Ich war viel unterwegs und habe richtig Gas gegeben, habe viel gearbeitet für den elterlichen Hof und war für mich selbst der Mittelpunkt. Geschäftlich als auch privat war ich ein kalter Bursche und mir waren die Gefühle der anderen egal. Bis zum Unfall.

Du warst 29 Jahre alt als sich deine Welt von einem Tag auf den anderen komplett verändert hat.

Ja, diese furchtbare Zeit rund und nach meinem Unfall machte mich menschlicher und meine Werte haben sich grundlegend verändert.

War dieser Schicksalsschlag rückblickend ein Zeichen?

Für mich war das ein Zeichen. Den Lebenswandel und den Lebensstil, den ich geführt habe, so konnte es nicht mehr weiter gehen. Für mich ist es, als ob der Herrgott rechtzeitig die Handbremse gezogen hat: „Stopp Bursche, so geh’s nicht mehr weiter.“

Nach der Erstversorgung vor Ort wurdest du in ein Krankenhaus gebracht. Wie erging es dir, als du zum ersten Mal wieder die Augen geöffnet hast?

Zuerst konnte ich gar nicht begreifen was rundherum um mich los ist. Dann dachte ich mir, ich muss sofort nach Hause und wollte aus dem Bett steigen. Meine Beine bewegten sich aber nicht mehr. Für mich war das ein unbeschreibliches Schock und ein schreckliches Erlebnis. Das Leben hat sich plötzlich um 180 Grad gedreht.

Im Krankenhaus bekamst du dann auch noch eine Lungenentzündung ...

Nach meinem Unfall war ich eigentlich „in einem relativen guten Zustand“ und etwa nach drei bis maximal vier Monaten Klinik- und Reha-Aufenthalt hätte ich wieder nach Hause dürfen. Jedoch bekam ich zwei Lungenentzündungen hintereinander die mich gesundheitlich sehr zurückgeworfen haben. Plötzlich konnte ich nicht mehr sprechen, ich spürte meinen Körper nicht mehr, konnte meine Hände nicht mehr bewegen und verlor 30 kg an Körpergewicht. Dann begann erneut der Kampf zurück. Mit Hilfe von Logopädie und Ergotherapie musste ich wieder sprechen, essen, schlucken und mich anziehen lernen.

Große Angst machten mir die Fragen nach meiner eigenen Zukunft, aber auch wie es mit dem Betrieb weiter gehen wird. Kann ich überhaupt wieder nach Hause oder muss ich in ein Altersheim? Ich war damals 29 Jahre und erst 3 Jahre zuvor habe ich als Jungbauer den elterlichen Betrieb übernommen.

Du bist ein sehr gläubiger Mensch. Warst du das schon immer?

Sagen wir so, ich war vorher katholisch, aber nicht so mit dem Glauben verbunden. Nach meinem Unfall war der Glaube das Einzige, das mir Halt gab.

Wurdest du zu Gott hingeführt?

Direkt nach meinem Unfall fing ich in meiner tiefen Verzweiflung selbst zu beten an. Wie durch eine Fügung lernte ich eine sehr gläubige Frau kennen, die mich dem Glauben und dem Gottvertrauen wieder näherbrachte. Ich lernte dabei, dass man sehr vieles abgeben kann, wo man meint, man müsse das allein schaffen. In meiner damaligen Situation war der Glaube der einzige Halt den ich hatte und auf den ich mich verlassen konnte. Das gab mir Kraft.

Ein Bauer, so schwer behindert und im Rollstuhl. Wie sollte das gehen?

Ich war hin und her gerissen. Von klein auf haben mich meine Eltern gelehrt, dass es immer irgendwie weitergehen muss. Auf der anderen Seite lag ich damals hilflos und pflegebedürftig im Bett, konnte nicht mehr sprechen und gehen. Mein Geist war aber fit und die Realität lies sich nicht verleugnen, das mit der Landwirtschaft kannst du dir abschminken. In der Reha wurde mir auch ungeschminkt gesagt, dass sich das nicht mehr spielen wird. Diese Aussagen waren dann schon grausam und machten mich zutiefst traurig.

Aber, bekanntlich versetzt der Wille die Berge. Du hast an dir Wunder vollbracht und bist heute ein gut organisierter Bauer im Rolli. Wie sieht dein Alltag aus?

Ich stehe um 5:20 Uhr auf, gehe ins Bad, mache mich dort selbstständig fertig und ziehe mich an. Diese Tatsache, dass ich fast wieder ganz selbstständig bin, erfüllt mich mit so einer unendlichen Dankbarkeit und plötzlich sind die Sorgen und Ängste, die ich früher hatte, nicht mehr so relevant. Mein Denken und auch die Sichtweise hat sich total verändert.

Anschließend trinke ich noch schnell einen Kaffee oder Tee und dann geht es in den Stall. Dort unterstützen mich meine Schwester und ein Zivildiener. Meine Schwester lebt auch auf dem Hof.

Das Corona-Virus: Die Welt steht still und die Menschen haben große Verlust- und Existenzängste. Dieselben Ängste, die du damals hattest. Wie stehst du dieser Krise gegenüber?

Das Leben mit der Gier und dem Zeitdruck, wie es jetzt war, konnte nicht mehr so weiter gehen. Im Mittelpunkt stand Geld, Macht und eine zerstrittene Politik. Die Menschen selbst sind dabei auf der Strecke geblieben. Eine Entschleunigung hat kommen müssen. Der Herrgott hat uns zurückgeholt auf den Boden.

Das es nun Existenzängste bei den Menschen gibt ist ganz selbstverständlich. Viele bauen sich gerade eine Existenz auf und sind nun arbeitslos. Es wird einen großen Krach machen. Niemand von uns Menschen hätte geglaubt, dass es einmal zu einer so großen Gesundheits- und Wirtschaftskrise kommen könnte und vor allem nicht über Nacht.

Wirtschaftlich spüren wir am Hof die Auswirkung natürlich auch, jedoch sind wir betrieblich breit aufgestellt. Auch wenn ein Teil wegbricht, es geht weiter.

Was macht dir Angst?

Es wird ein Hotel nach dem anderen gebaut, eines Schöner und Größer als das andere. Das Pinzgau wird eine Touristen-Hochburg. Wir verkaufen unsere Seele und wir verkaufen unsere Heimat. Die Großen profitieren und die andern müssen es mittragen. Ich weiß nicht ob das der richtige Weg ist. Natürlich leben die regionale Bauwirtschaft und die Landwirtschaft vom Tourismus, aber irgendwann muss man zufrieden sein und die riesengroße Gier nach immer mehr muss endlich aufhören.

Wenn du ein kleines Fenster aufmachst, wie glaubst du schaut es im Sommer 2020 aus?

Es wird nichts mehr so sein wie es gewesen ist. Der eine oder andere kommt zur Besinnung, die anderen vergessen es. Das Vergessen ist die Mentalität der Menschen.

Wirtschaftlich werden schwierige Zeiten auf uns zukommen.

Es wird weiter gehen, nur wissen wir noch nicht wie. Auch wenn wir uns einschränken werden müssen jammern wir auf einem sehr hohen Niveau.

Was war der schönste Tag deines bisherigen Lebens?

Das war der Tag wo mein Bub auf die Welt gekommen ist. Mit einer hohen Querschnittslähmung, im Rollstuhl sitzend ist das mehr als ein großes Geschenk und keine Selbstverständlichkeit. Der liebe Gott hat es, trotz allem, gut mit mir gemeint.

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