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RollOn-Chefin Marianne Hengl trifft ZiB-Moderator Tobias Pötzelsberger für die Salzburger Nachrichten

THEMA: „Über den Anstand in der heutigen Zeit“ …

Marianne Hengl: Inwieweit ist es für Sie als Moderator frustrierend, top gecoachte Politiker aus der Reserve zu locken? Kann da jemals ein aufrichtiges und anständiges Gespräch entstehen?

Tobias Pötzelsberger: Die Politiker/innen kommen nicht zu uns, weil sie so gern mit uns reden, sondern weil sie das Publikum suchen. Manchmal gelingt es, die Interviewpartner zu überraschen und sie so aus der Reserve zu locken. Dann sind sie „echt“, weil sie darauf nicht auswendig gelernte Sätze antworten können. Das sind dann die interessanten Momente für mich.

SN Sommergespräch.  -  Marianne Hengl trifft Tobias Pötzelsberger.  Foto: Kolarik Andreas 15.07.2021

Marianne Hengl: Es gibt vermehrt Personen, sei es in der Politik oder in Managementfunktionen, die vor keiner Beleidigung und keiner Infamie zurückschrecken. Gibt es aus ihrer Sicht Konsequenzen, die dieser doch sehr untergriffigen Unanständigkeit den Riegel vorschieben?
Tobias Pötzelsberger: Einen Riegel vorschieben kann man dem nicht, denn Anstand ist eine persönliche Frage bzw. eine persönliche Kompetenz. In der politischen Diskussion ist der Stil teilweise unterirdisch, allerdings nur in einem Ausschnitt. Wenn wir beispielsweise das Parlament hernehmen, dann sehen und hören wir nur die negativen Dinge der harten Auseinandersetzungen, die mit einer zweifelhaften Wortwahl geführt werden. Allerdings sehen wir dabei nicht, dass der allergrößte Teil der Parlamentsarbeit einstimmig abläuft, in völliger Ruhe, fast in Langeweile. Ich würde daher nicht alles über einen Kamm scheren. Was es gewiss gibt, vielleicht auch ein wenig durch die Pandemie ausgelöst, sind gesellschaftliche Verhärtungen und Frontenbildungen. Dem einen Riegel vorschieben ist mir ein zu starkes Wort, ich glaube man kann nur Appelle an die Leute richten.

Marianne Hengl: Wenn man sich das ORF-Parlamentsmagazin „Hohes Haus“ ansieht, dann stößt einem auf, dass während Ansprachen gehalten werden, sich Abgeordnete in den Reihen unterhalten mit dem Handy spielen ... Es fehlt die Wertschätzung.
Tobias Pötzelsberger: Es gibt eine gewisse Polarisierung zwischen den Parteien, zwischen den Weltanschauungen zwischen Regierung und Opposition. Die hat es immer gegeben. Man darf nicht in die Falle tappen und sagen, früher war alles besser. Die Beflegelungen gab es immer, jetzt sind sie erstens öffentlicher, weil die Medien uns breiter erreichen. Zweitens ist die Auseinandersetzung härter geworden, weil die persönliche Ablehnung zwischen den Protagonisten groß ist. Das sorgt tatsächlich für sehr harte Konflikte, in denen es oft nicht um Inhalt geht.

Marianne Hengl: Es scheint mir, als gehe es den Politiker/innen oft gar nicht um die Sache, sondern um ihre persönlichen Eitelkeiten. Wie kann man das ändern? Man bräuchte einen Zeremonienmeister, der sagt, jetzt reichts!
Tobias Pötzelsberger: Es gibt einen Bundespräsidenten, der sich allerdings bei Fragen der Formulierung, glaube ich, nicht einmischen wird. Wenn es hart auf hart kommt, hat die Verfassung gute Regeln. Der gute Stil eines Menschen ist etwas Persönliches. Etwas daran zu ändern, liegt in den Händen der Wähler/innen. Die unzufriedenen Bürger wenden sich oft von der Politik ab. Das ist aber, glaube ich, der falsche Weg.

Marianne Hengl: Inwieweit ist es für Sie als Moderator frustrierend, top gecoachte Politiker aus der Reserve zu locken? Kann da jemals ein aufrichtiges und anständiges Gespräch entstehen?
Tobias Pötzelsberger: Die Politiker/innen kommen nicht zu uns, weil sie so gern mit uns reden, sondern weil sie das Publikum suchen. Manchmal gelingt es, die Interviewpartner zu überraschen und sie so aus der Reserve zu locken. Dann sind sie „echt“, weil sie darauf nicht auswendig gelernte Sätze antworten können. Das sind dann die interessanten Momente für mich.

Marianne Hengl: Egoismus, Macht und Rücksichtslosigkeit scheinen immer mehr Werte wie Menschlichkeit, Achtsamkeit und Respekt zu verdrängen. Wo liegt da aus Ihrer Sicht der Hund begraben?
Tobias Pötzelsberger: Ich gebe Ihnen Recht, dass es einen gewissen Anstieg an Egoismus gibt. Das hat auch damit zu tun, dass die Welt insgesamt gefühlloser geworden ist. Ich glaube, die Arbeitswelt, die soziale Welt ist härter geworden. Der Leistungsdruck ist angestiegen. Die allgemeine Definition von Glück ist vielleicht eine andere, sie hat viel mit materiellen Dingen zu tun, die es früher nicht so gab.

Marianne Hengl: Glauben Sie, dass die Pandemie die Menschen verändert hat? Das sie zufriedener geworden sind?
Tobias Pötzelsberger: Nein, die Menschen sind unzufriedener geworden. Es gibt eine massive Verhärtung in den Diskussionen was z.B. die Impf-Bereitschaft betrifft. Ich fand die teilweise wutentbrannten und heftigen Bilder von diversen Demonstrationen gegen die Corona Regelungen schlimm. Solche Auftritte tragen nicht zum gesellschaftlichen Frieden bei.

Marianne Hengl: Was bedeutet für Sie im Heute anständig zu sein?
Tobias Pötzelsberger: Anstand definiere ich aus Höflichkeit und guten Manieren und einer gewissen Menschenfreundlichkeit. Die Frage wie geht’s meinem Nächsten und auch eine gewisse Wertehaltung ist wichtig. Nicht alles, was erlaubt ist, muss man auch tun. Offen auf die Leute zugehen und nicht immer gleich urteilen. Höflichkeit ist wichtig, weil ich glaube, dass sich das beim Gegenüber spiegelt und es für alle eine angenehmere Begegnung wird, am Ende des Tages geht man dann zufriedener ins Bett.

Marianne Hengl: Wie schaut Ihre soziale Verantwortung aus?
Tobias Pötzelsberger: Der Journalismus hat eine große soziale Verantwortung. Gemeinsam mit meiner Moderationskollegin Susanne Höggerl versuchen wir alle möglichen Blickwinkel zu beleuchten und auch auf jene zu hören, die weniger oft gehört werden.
Zudem habe ich eine große Familie, die sich immer untereinander kümmert, wenn ein Familienmitglied Hilfe braucht. Davor habe ich schon großen Respekt und ich mach mir auch Gedanken, wie ich trotz meines intensiven Jobs für meine Familie da sein kann.

Marianne Hengl: Als Mensch in der Öffentlichkeit und vor allem als Vater eines kleinen Sohnes versucht man bestimmt auch für junge Menschen ein gutes Vorbild zu sein?
Tobias Pötzelsberger: Das gelingt mal besser, mal schlechter. Ich habe meine Fehler, aber ich bemühe mich. Ich habe gemerkt, dass man durch sein Verhalten wahnsinnig prägend ist für die Kinder.

Marianne Hengl: Mit welchen Unwahrheiten bzw. Behauptungen, die nicht den Tatsachen entsprechen, können Sie sich gar nicht identifizieren?
Tobias Pötzelsberger: Beruflich bin ich ein bisschen so etwas wie ein Lügendetektor und habe schon Probleme mit manchen Ankündigungen, die sich im Nachhinein als Halbwahrheiten herausstellen. Unsere journalistische Aufgabe, gemeinsam mit unserem Archiv, nachzuprüfen, ob das stimmt, ist deshalb immens wichtig. An Diskussionen, wie auf Twitter, beteilige ich mich nicht. Bei Unwahrheiten und Unsinnigkeiten bin ich manchmal in Versuchung zurückzuschreiben, aber man darf diesen Dingen nicht noch mehr Bedeutung schenken.

Marianne Hengl: Stichwort Twitter, wenn man verfolgt wie sich Journalisten und Medienleute auf dieser Plattform befetzen, da fragt man sich schon, sind das wirklich gescheite Leute?
Tobias Pötzelsberger: Ich glaube, die Leute sind grundsätzlich sehr g‘scheit, aber die Internetkommunikation verleitet dazu, sehr direkt, unhöflich oder beschimpfend zu argumentieren. Das stößt auch mich teilweise ab. Twitter ist ein unglaublich unfreundliches, zeitraubendes und urteilendes Medium, das ich zwar täglich lese, aber ich mag mich kaum mehr daran beteiligen. Es ist mir zu viel, oft unfair, es wird nicht zugehört und eben wahnsinnig schnell geurteilt. Bevor das Fallbeil des Urteils fällt, sollte man sich überlegen, was könnte dieser Mensch mit seiner Aussage noch gemeint haben. Es wird einem oft das Wort im Mund herumgedreht.

Marianne Hengl: Wie lebt man richtig, mit sich selbst und mit anderen?
Tobias Pötzelsberger: Wie man Leben soll? Dafür hätte ich auch gerne eine Anleitung. Da gibt es ein Buch von Thomas Glavinic, das so heißt. Gutes Buch! Ich ärgere mich oft über mich und meine Ungeduld. Sowohl in der Familie oder im Arbeitsalltag ist es hinderlich, wenn man so ungeduldig ist. Auf der Suche nach dem Glück spielt die Ungeduld glaube ich auch eine große Rolle. Geduld, aushalten können! Zurücklehnen, zufrieden sein, das sollte man versuchen.

Marianne Hengl: Wie viel Zeit bleibt Ihnen für Ihre Band „The More or the Less“?
Tobias Pötzelsberger: Für die Band bleibt momentan wenig Zeit, weil ich sehr viel Tennis spiele. Am Vormittag habe ich zum Glück ein paar Stunden frei. Die ZIB ist erst am Abend, daher fahre ich erst zu Mittag ins Büro und kann die Redaktionssitzung zu Hause über Skype verfolgen. An meinen freien Tagen genieße ich die Zeit hauptsächlich mit meiner Familie.

Marianne Hengl: Sie sind für viele Menschen ein Vorbild. Wie lautet Ihre Botschaft, die den Menschen Mut und Hoffnung gibt?
Tobias Pötzelsberger: Ich glaube, dass man sich mehr an Optimismus und Hoffnung orientieren muss. Pessimismus führt nur dazu, dass es schlechter wird. Meine Empfehlung ist - zu versuchen - ein bisschen das Licht zu sehen. Es scheint überall ein Licht, zumindest ein wenig.

Marianne Hengl: Verraten Sie mir zum Schluss noch Ihr Vorbild?
Tobias Pötzelsberger: Meine Vorbilder sind unterschiedlich, aber wenn ich mich auf eines festlegen muss, dann ist es Roger Federer. Er hat bestimmt auch seine Probleme, aber er strahlt einfach etwas Menschliches und Freundliches aus. Zudem ist er ein begnadeter Sportler.

Das Sommergespräch 2021 für die Salzburger Nachrichten.

pdfSN_Gespräch_mit_T.P.pdf563.17 kB