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„Ich will behindert sein dürfen“

Andrea Laimer von frauen.kom. besucht RollOn-Obfrau Marianne Hengl in Innsbruck für die Zeitschrift der Katholischen Frauenbewegung Salzburg.

Frauen.kom: Inwiefern haben beeinträchtigte Frauen mit anderen Herausforderungen zu kämpfen als beeinträchtigte Männer? Anders formuliert: Ist Frausein ein Vor-, ein Nachteil oder gar vielleicht egal, wenn es um ein Leben mit Behinderung geht?

Über diese Frage habe ich mir ganz ehrlich noch keine Gedanken gemacht. Ich versuche die Gesellschaft mit meiner Arbeit und mit meiner Lebenseinstellung zu überzeugen und ich glaube, dass es gerade in Zeiten wie diesen unbeschreiblich wichtig ist Verantwortung zu übernehmen. Zivilcourage zeigen und aufstehen, wenn Ungerechtigkeiten passieren. Wenn man das Glück hat, dass es einem gut geht, dann soll man auch der Gesellschaft einmal etwas zurückgeben. Sozusagen immer wieder einmal auch etwas Gutes tun.

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„RollOn“, auf Deutsch weiterrollen, steht nicht nur für „ihren“ Verein, sondern auch für ihr eigenes Leben. Marianne Hengl ist von Kindesbeinen an eine Kämpfernatur im Rollstuhl und setzt sich seit mehr als 30 Jahren dafür ein, dass Menschen mit Behinderung(en) als das gesehen werden, das sie sind: Menschen. Im Interview berichtet sie über ihr unermüdliches Engagement und jene Kraftquellen, die sie auch weiterhin zum Ein-, Mit- und Aufmischen motivieren.

Frauen.kom: Seit mehr als 30 Jahren mischen Sie mit Ihrem Verein „RollOn“ in Politik und Gesellschaft mit und verschaffen jenen Gehör, die allzu leicht überhört werden: Menschen mit Behinderungen. Was war denn die Initialzündung für Ihr Engagement?

Auf Initiative des slw (Soziale Dienste der Kapuziner, Anm.) wurde im Jahr 1989 der Tiroler Verein zur Förderung körperbehinderter Menschen mit mir als Obfrau gegründet. Heute heißt der Verein, der sich über Spenden finanziert, RollOn Austria. Ich wollte aber keinen Verein, bei dem wir Ausflüge machen und uns zum Kaffeekränzchen treffen. Ich wollte wirklich, dass wir über das Thema Behinderung reden. Ganz offen. Dazu gehören auch, die Dinge beim Namen zu nennen. Wir sind behindert. Punkt. Wir müssen deshalb nicht in Selbstmitleid zerfließen oder uns verstecken. Dafür gibt es keinen Grund.

Frauen.kom: Welche Erfolgserlebnisse fallen Ihnen als erstes ein, die RollOn bisher erreicht hat, um die „behinderte Welt“ nachhaltig zu verbessern?

Weil wir nichts zu verstecken haben, gingen wir gleich mit unserer Öffentlichkeitsarbeit in die Offensive. Für ein enormes Echo sorgte die von uns initiierte erste inklusive Modenschau im Jahr 1993. Erstmals war ein Mensch mit Behinderung auf dem Laufsteg. Der Anklang war gewaltig. Das österreichische und sogar das deutsche Fernsehen waren da. Da dachte ich mir, wenn das gut ankommt, gehe ich einen Schritt weiter. Wir ließen die ersten Werbespots drehen, es folgten Plakatkampagnen mit Prominenten wie Armin Assinger, Ottfried Fischer oder Tobias Moretti.
Mittlerweile haben wir bereits rund 60 Arbeitsplätze vermittelt und unzählige Familien unterstützt. Darunter ist auch Zoe Springer aus Niederösterreich, die dank der Unterstützung von RollOn Austria und ihrem Netzwerk eine Tourismusschule in Wien absolvieren konnte. Die Schulbehörden hatten der damals 14-Jährigen nämlich nahegelegt, die Schule zu verlassen, da sie aufgrund ihrer Behinderung die Anforderungen im Fach Service nicht ausreichend erfüllen könne. „Sicher nicht“, sagten wir und gingen bis zum Bundesministerium, um Zoe zu helfen. Mit Erfolg. Die Niederösterreicherin absolvierte die Matura mit Bravour und studiert mittlerweile Jus. Ich bin so stolz auf meine Zoe!

Frauen.kom: Beschreiben Sie unseren Leserinnen und Lesern bitte die Welt aus Ihrer Perspektive! Wie gestaltet sich Ihr Alltag?

Mein Leben ist trotz meiner schweren Behinderung sehr spannend. Ein ganz besonderes Geschenk ist auch meine persönliche Assistentin Ellen, die schon 40 Jahre an meiner Seite ist, die mich jeden Tag unterstützt, in der Früh beim Anziehen, beim Essen und bei vielen weiteren Handgriffen, die ich selbst nicht machen kann. Sie ist ein ganz wichtiger Fels in der Brandung, neben meinem Mann, meinem Team und meiner Familie.

Kraft tanken bei Familie, Natur und Gott

Frauen.kom: Ich kann mir vorstellen, dass es bei Ihrem Arbeitspensum nicht ganz einfach ist, zwischen privatem und öffentlichem Leben eine klare Grenze zu ziehen… Wie gelingt Ihnen das?

Ich arbeite im Durchschnitt 60 Stunden in der Woche. Meine Lebensaufgabe ist zu meinem größten Hobby geworden. Sollten einmal die Energien ausgehen, dann kehre ich zurück zu meinen Wurzeln und fahre nach Weißbach zu meiner Familie. Nach ein paar Tagen Heimat, schon geht es mir wieder gut und ich fühle mich voller Tatendrang. Kraft tanke ich auch in der unbeschreiblichen Schönheit der Natur und last but not least durch meinen Glauben zu Gott.

Frauen.kom: Inwiefern haben beeinträchtigte Frauen mit anderen Herausforderungen zu kämpfen als beeinträchtigte Männer? Anders formuliert: Ist Frausein ein Vor-, ein Nachteil oder gar vielleicht egal, wenn es um ein Leben mit Behinderung geht?

Über diese Frage habe ich mir ganz ehrlich noch keine Gedanken gemacht. Ich versuche die Gesellschaft mit meiner Arbeit und mit meiner Lebenseinstellung zu überzeugen. Und es waren vorwiegend Männer, die mich auf meinem beruflichen Weg begleitet und so erfolgreich unterstützt haben.

Frauen.kom: Nun sind Sie schon so lange landauf, landab an vorderster Front für die Interessen von Menschen mit Behinderung tätig. Was spornt Sie nach so vielen Jahren immer noch an?

Durch die Öffentlichkeitsarbeit von RollOn Austria bekommen Menschen mit Behinderungen ein Gesicht – unter anderem mit der eigenen Fernsehsendung „Gipfel-Sieg“ auf ORF III. Außerdem habe ich mir in den letzten Jahren ein großes Netzwerk aufgebaut. Wir haben dazu beigetragen Gesetze zu ändern, die Menschen mit Behinderungen ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen. Und das Verhalten gegenüber behinderten Menschen ist ein anderes geworden. Das ist Motivation pur, um weiterzumachen.

„Es geht um’s Mensch-Sein.“

Frauen.kom: Schließen Sie für einen Moment Ihre Augen und stellen Sie sich die Welt so vor, dass es Ihr Engagement gar nicht mehr bräuchte. Wie sieht diese Welt konkret aus?

Als behinderter Mensch will ich behindert sein dürfen. Dabei verstehe ich mich nicht als Schadensfall der Medizin oder Randerscheinung der Gesellschaft, sondern als vollwertiger Mensch, dessen Persönlichkeit und das „Anders-Sein“ sichtbarer ist als bei so genannten „gesunden“ Menschen. Der Unterschied besteht doch wesentlich darin, dass meine Begrenzungen offenbar und die der so genannten „Gesunden“ oft verdeckt und verschwiegen werden. Es geht um unser Mensch-Sein - in Achtsamkeit, Würde und Respekt.

Frauen.kom: Wenn eine unserer Leserinnen ebenfalls den inneren Drang verspüren würde, sich öffentlich einzumischen: Welche Tipps und Tricks können Sie ihr mit auf den Weg geben?

Ich glaube, dass es gerade in Zeiten wie diesen unbeschreiblich wichtig ist Verantwortung zu übernehmen. Zivilcourage zeigen und aufstehen, wenn Ungerechtigkeiten passieren. Wenn man das Glück hat, dass es einem gut geht, dann soll man auch der Gesellschaft einmal etwas zurückgeben. Sozusagen immer wieder einmal auch etwas Gutes tun.