Als ein schwer beeinträchtigtes Mädchen Liebe ohne Worte schenkte

Als ich sechs Jahre alt war, kam ich ins Elisabethinum Innsbruck, um dort die Schule zu besuchen. Ich war noch so klein, und plötzlich war alles neu, fremd und weit weg von daheim. Wir schliefen damals in einem großen Zimmer mit vielen Betten. Neben mir lag Doris. In der Nacht, wenn es still wurde, kam oft das furchtbare Heimweh. Dann weinte ich bitterlich. Mir fehlten meine Eltern, meine Geschwister so sehr. Mir fehlte ihr Geruch, ihre Stimmen, ihre Nähe. Alles, was für mich zuhause bedeutete, war plötzlich weit weg. Doris lag neben mir im Bett. Sie konnte nicht sprechen und war auch körperlich sehr schwer beeinträchtigt. Aber sie sah mein Weinen. Sie spürte meinen Schmerz. Und obwohl ihr eigener Körper ihr so vieles schwer machte, krabbelte sie zu mir herüber. Dann legte sie sich ganz vorsichtig über mich, so gut sie konnte.

Ihre Körperwärme, ihre Nähe und dieses stille „Ich bin da“ haben mich in dieser Nacht getröstet wie kaum etwas anderes.

Doris konnte kein einziges Wort sagen. Und doch hat sie mir damals etwas geschenkt, das ich nie vergessen habe: Trost. Nähe. Menschlichkeit. Liebe.

Wir sind einander am letzten Sonntag wieder begegnet — nach all der langen Zeit. Und plötzlich war da wieder dieses zarte Band aus Kindheitstagen.

Denn manchmal spricht die Liebe nicht mit Worten.
Manchmal legt sie sich einfach still neben dich.

Und bleibt.

Marianne Hengl, Obfrau von RollOn Austria

ChatGPT Image 3. Juni 2026 18 58 371Marianne Hengl und Doris Kuchling