07.06.26 / 20.04 Uhr / Radio Tirol: Julia Porzelt ist Gast von Marianne Hengl und Diana Foidl in ORF Radio Tirol „Stehaufmenschen“

Julia Porzelt ist eine Frau, die von Anfang an lernen musste, mit einem Leben umzugehen, das niemand für sie vorbereiten konnte.
Sie wurde ohne Knie, ohne Füße und mit stark eingeschränkten Armen und Händen geboren. Für ihre Eltern war ihre Geburt ein Schock, ein tiefer Einschnitt, ein Moment voller Angst und Überforderung. Und doch begann genau dort auch eine große, stille Kraft: die Entscheidung, nicht aufzugeben, sondern weiterzugehen — Schritt für Schritt, Tag für Tag.
Julia wuchs mit Operationen, Prothesen und ständigen Anpassungen auf. Was für andere unvorstellbar war, wurde für sie Alltag. Doch je älter sie wurde, desto stärker spürte sie auch, wie sehr sie anders war. Vor allem in der Pubertät traf sie dieser Schmerz mit voller Wucht: das Vergleichen, das Sich-Verstecken, das Gefühl, nicht selbstverständlich dazuzugehören. Sie lernte früh, wie weh es tun kann, nicht gewählt zu werden, nicht gemeint zu sein, nicht als Möglichkeit gesehen zu werden.
Und trotzdem ist Julia nicht stehen geblieben.
Es gab Zeiten, in denen Körper und Seele nicht mehr konnten. Zeiten, in denen der Druck zu groß wurde und sie zusammenbrach. Ihr Nervenzusammenbruch und der Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik waren ein tiefer Einschnitt. Aber auch dort begann etwas Neues. Zum ersten Mal begegnete ihr jemand mit echter Annahme. Jemand, der ihr half zu erkennen: Ich bin richtig, so wie ich bin. Dieser Satz wurde zu einem Wendepunkt.
Was Julia zurück zu sich selbst führte, waren auch die Pferde. In ihrer Nähe gab es kein Mitleid, kein Verstecken, keine falschen Erwartungen. Ein Pferd begegnet einem ehrlich — und genau diese Ehrlichkeit wurde für Julia heilend. Im Reiten fand sie Vertrauen, Mut und ihre eigene Stärke wieder. Sie wurde erfolgreich im Parasport, ging ihren Weg mit beeindruckender Disziplin und entdeckte in den Pferden einen Raum, in dem sie ganz sie selbst sein durfte.
Heute lebt Julia ein Leben, das nicht leicht ist — aber ein erfülltes. Sie arbeitet, trägt Verantwortung, ist selbstständig, liebt ihren Beruf und hat gelernt, Hilfe anzunehmen, ohne sich dafür zu schämen. Und sie hat die Liebe gefunden. Einen Menschen, bei dem sie nichts verstecken muss. Einen Menschen, der sie nicht trotz ihrer Einschränkungen liebt, sondern ganz selbstverständlich mit allem, was sie ist.
Julias Geschichte ist deshalb so berührend, weil sie nichts beschönigt. Sie spricht offen über Schmerzen, Erschöpfung, Zweifel und über die tägliche Kraft, die es braucht, um dieses Leben zu leben. Und gerade darin liegt ihre Größe. Sie zeigt, dass Stärke nicht bedeutet, keine Schwäche zu haben — sondern immer wieder aufzustehen, auch wenn das Leben schwer ist.
